Wie 365 Tage OHNE selbstsicher und stolz machen

by | 01.06.2017 | Life&Style, Shopping, Stilberatung

… UND WARUM WENIGER SO VIEL MEHR SEIN KANN.

Gabi und ich sind uns (bisher) nur virtuell begegnet. Als „Fan“ meiner Facebookseite ist sie mir immer wieder sehr positiv aufgefallen. Eines Tages kommentierte sie einen Post, indem sie auf ihre Kleidungsabstinenz für 365 Tage einging. Mein Interesse war sofort da! Auch ich beäuge sehr kritisch was aktuell in Sachen „Fast Fashion“ passiert.

Kaufen um des Kaufens willen.
Konsum als (Ersatz)Befriedigung.
Schränke voll nichts anzuziehen.
Unglückliche und unsichere Frauen, weil sie mit diesen ganzen Trends zum Schnäppchen Preis komplett verlernen was es wirklich ist, was sie kleidet.
Von den unterirdischen Herstellungsbedingungen noch gar nicht gesprochen.
undsoweiter undsoweiter …

Also lud ich Gabi ein zum Interview. Ein sehr spannender Blick hinter die Kulissen eines freiwilligen Konsumverzichts.

Warum hast Du Dich entschieden 365 Tage auf den Kauf neuer Kleidung zu verzichten?

Schon länger habe ich mich beim einkaufen von Kleidung darüber geärgert, dass die Qualität immer schlechter wird. Aus finanziellen Gründen kann ich mir aber nur sehr selten etwas hochwertiges kaufen. Durch den einen oder anderen Bericht in den Medien habe ich mir aber auch Gedanken gemacht wie es denn möglich ist, ein T-Shirt für 5€ herzustellen? Wer verdient daran? Und was verdient er oder sie? Am wenigsten verdienen die Näherinnen. Aber selbst wenn man die etwas teureren Sachen kauft, bekommen die Arbeiter*innen in den Herstellungsfabriken deswegen nicht mehr. Kann ich etwas daran ändern?
Als ich auf Facebook über den Aufruf zur #365tageohne Challenge gestolpert bin, habe ich daher spontan zugesagt. Klar, es ändert vermutlich nichts. Aber vielleicht macht es den einen oder anderen auf die Situation aufmerksam. Und vielleicht fängt der eine oder andere an, auf die Herkunft seiner Kleidung zu achten. Es wäre ja schon ein Anfang, wenn die Menschen ihre Kleidung selbst mehr achten. Wertigere Sachen kaufen, diese besser pflegen und länger tragen. Dann gäbe es auch nicht mehr so viele Kleiderschränke voll mit nichts anzuziehen.
Zudem war Selbstmachen erlaubt. Ich hatte zwar kaum noch Kleidung (ja, ich hatte rigoros ausgemistet), aber Stoff sowie Nähmaschine und jede Menge Schnittmuster. Ich wollte schon lange mehr für mich nähen und richtig lernen Kleidung zu nähen. Ein anerzogenes schlechtes Gewissen, wenn ich etwas „nur“ für mich mache, hatte mich bisher immer ausgebremst. Mit der Challenge hatte ich also die Möglichkeit etwas zu tun, einen Ansporn und einen Grund.

Was war dabei die größte Herausforderung?

Meine größter Herausforderung war es, mein Vorhaben öffentlich zu machen. Aber ich habe ja einen kleinen Blog,der sich hervorragend dazu eignete, darüber zu schreiben. Familie, Freunde, Bekannte würden dann allerdings darüber Bescheid wissen. Was, wenn ich das nicht durchhalte? Was für Reaktionen würde ich bekommen? Als ich bei dem ersten Bericht auf „veröffentlichen“ klickte, bekam ich doch etwas Herzklopfen.

Wie war es am Anfang und wie war es am Ende? Gab es anfänglich „Hürden“, die am Ende Deines Projekts leicht wurden?
Die erste Hürde war eine Änderung meines Einkaufsverhaltens. Kein Wühlen auf den Grabbeltischen mehr. Kein Schlendern in der Modeabteilung. Zwar bin ich noch nie wirklich gerne Kleidung einkaufen gegangen, da meine Maße irgendwie nicht der gängigen Konfektion entsprechen, aber deswegen habe ich immer die Augen offen gehalten, ob ich nicht einen Glücksgriff lande. Nach einiger Zeit musste ich feststellen, dass ich darüber erleichtert bin, genau dies nicht mehr tun zu müssen. Mittlerweile empfinde ich nicht mal mehr Neid, wenn ich andere Menschen dabei beobachte. Zudem, auch wenn ich meinen Stil und das mir schmeichelnde Schnittmuster noch nicht ganz gefunden habe, ist jedes genähte Teil ein Unikat. Ein Luxus, für den andere Menschen bereit sind viel Geld auszugeben!

Auch die Angst, dass man mich vielleicht als ‚ärmlich‘ betrachtet, weil ich meine Kleidung selber nähe, ist verschwunden.

Was ist Dein größter Gewinn?

Selbstvertrauen. Ich habe etwas geschaffen und meine Situation dadurch verbessert.
Stolz, weil ich durchgehalten habe. In dem ganzen Jahr habe ich nur etwas Unterwäsche, Socken und eine Jeans gekauft. Drei Sachen von fünf, welche auf meiner Ausnahmeliste standen. Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass ich reicher bin als ich dachte. Selbst mit meiner ‚Notration‘ an Klamotten hätte ich nicht nackt durch die Gegend laufen müssen. Und ich besitze zwei gesunde Hände, ein Mindestmaß an Talent und reichlich Hilfsmittel (Nähmaschine, Stoff etc.), um mir selber zu helfen.

Daran anschließend kommt dann auch die Wertschätzung für das Handwerk. Damit meine ich jetzt nicht mich. Plötzlich kommt einem der Preis für ein Kleid vom Schneider gar nicht mehr so teuer vor…..

Was war Dein größter Verlust?

Meine rosarote Brille. Natürlich habe ich mich in der Zeit der Challenge mit der Herstellung von Stoff und Kleidung beschäftigt. Sehr oft sind diese Berichte erschreckend. Mir ist teilweise richtig übel geworden, wenn ich gesehen habe, was wir anderen Menschen und der Umwelt antun mit unserem Bedarf nach Fast Fashion und billiger Kleidung. Jetzt, wo ich darüber Bescheid weiß, kann ich das nicht mehr zur Seite schieben. Ich muss Verantwortung übernehmen. Mein Verhalten hat Auswirkungen. Dessen bin ich mir bewusster denn je.

Mit weggucken, oder einem rosafarbenem Schimmer vor den Augen, lebte es sich leichter.

Was hast Du gelernt?

Außer, dass meine Nähmaschine mehr Funktionen hat, als ich dachte? 😀 Ich weiß nicht, ob man das als lernen betrachten kann, aber mein Blick hat sich verändert. Ich achte mehr darauf, ob ich das, was ich haben will, auch wirklich brauche. Und das gilt nicht nur für Kleidung. Das zieht sich praktisch durch alle Bereiche meines Lebens. Menschen, die sich genau so leicht verführen lassen wie ich, können dadurch sogar jede Menge Geld sparen. Spontankäufe werden seltener – und das ohne Anstrengung. Ich meine, wenn jemand einen übervollen Kleiderschrank besitzt und feststellt, dass er mehr hat als erwartet und das als Erleichterung erlebt, weil kein Druck mehr da ist etwas unbedingt kaufen zu müssen, überträgt sich das auch auf andere Dinge.

Das schärft nicht nur den Blick, sondern lässt einen kreativ werden.
Und wenn ich damit auch nur einen anderen Menschen inspirieren sollte, dann hat sich das nicht nur gelohnt, sondern ich habe tatsächlich gelernt, dass ich allein DOCH etwas ändern kann. Direkt vor meiner Haustüre.

Was ist Dein bester Tipp, wenn jemand mit dem Gedanken spielt das auch zu machen?

Sei nicht so streng mit dir selbst! Ein Jahr lang darauf verzichten Kleidung zu kaufen, kann eine Herausforderung sein oder ein Abenteuer oder der Beweis für einen selber, dass man das kann. Steckt man die Grenzen zu eng, gibt man schneller auf.
Wir Mädels, die an der Challenge teilgenommen haben, hatten so ziemlich alle eine Liste mit Ausnahmen. Hauptsächlich Dinge, die wir nicht selbst nähen können. Aber es gibt auch immer Situationen, die aus der Reihe fallen. So wie das Erinnerungs-Shirt vom Rockkonzert oder dem Urlaub. Andere werden schwanger und brauchen Umstandskleidung. Oder der Filius peppt die einzige Winterjacke mit Nagellack auf. Von den besonderen Erinnerungen einmal abgesehen, könnte man dann vielleicht noch im Second-Hand-Shop schauen. Wenn es schnell gehen muss, ist das aber nicht immer möglich.

Und den Pulli, den man zum Geburtstag von Mama/Schwester/Freundin/Partner geschenkt bekommt, muss man auch nicht ablehnen.
Die meisten, die sich auf dieses Experiment einlassen, sind aber überrascht, wie wenig sie tatsächlich brauchen, bzw. wie viel sie schon besitzen. Und das sind nicht unbedingt Hobbyschneiderinnen.

Ich empfinde dieses Jahr als besondere Erfahrung. Und ich fühle mich so wohl damit, dass ich damit weiter mache. Mit etwas gelockerten Regeln vermutlich. Es ist nur so, wenn ich etwas neues (selbstgenähtes) in den Händen halte, empfinde ich eine Freude, die ich vorher nicht kannte. Mode fängt langsam wieder an Spaß zu machen. Dabei fängt da bei mir das Lernen gerade erst an. 🙂

Über Gabi

Mein Name ist Gabi, ich bin 50 Jahre jung, Single (geschieden), Hundehalterin und noch einiges mehr.
Nachdem ich mein ganzes Leben lang versucht habe, allen Anforderungen an mich gerecht zu werden, zu tun, was von mir verlangt wurde, nur um dann am Ende eine gesundheitliche und berufliche Bruchlandung hinzulegen, versuche ich jetzt meinen eigenen Weg zu finden.

Ich versuche altes Wissen mit neuen Erfahrungen zu verbinden, finde Entschleunigung heilsam, glaube fast naiv an das Gute im Menschen, erschaffe gerne mit meinen Händen etwas neues oder probiere etwas altem neues Leben einzuhauchen. Da ich auch sehr gerne darüber rede, habe ich einen kleinen Blog gestartet, in dem ich über meine Erlebnisse berichte, über Flora und Fauna erzähle, Rezepte und Haushalttricks teile, Näh-/Anleitungen teste und die Ergebnisse zeige. Das Leben ist aufregend und schön. Und selbst mit eingeschränkten (finanziellen) Möglichkeiten kann man ein gutes Leben führen. Vielleicht ist es mir sogar möglich, die Welt ein ganz klein wenig zu verbessern. Darum bemühe ich mich jedenfalls.

Blog: Anders ist auch gut 

Erster Eintrag der Challenge 365 Tage ohne

Immer gleich als Erste von neuen Blog-Artikeln erfahren?

Marketing by